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Ein Lebensabschnitt endet traurig

Wenn sich im Leben etwas ändert, ein neuer Lebensabschnitt beginnt, dann schwingt ja grundsätzlich so ein bisschen Wehmut mit. Man wechselt die Arbeitsstelle, verliert liebgewonne Arbeitskollegen, man durchlebt eine Trennung, der Verlust eines Angehörigen...

Gerade sind wir ehrlich gesagt sehr traurig. Traurig für Philipp. Denn für ihn endet gerade ein bisher sehr wichtiger Lebensabschnitt. Er verlässt den Kindergarten, in dem er jetzt fast drei Jahre verbrachte. Aber nicht etwa, weil er jetzt in die Schule kommt. Leider nicht...

Vorweg muss man sagen, dass Philipp nach diesem Kindergartenjahr ohnehin gewechselt hätte. Wir waren auf der Suche nach einer passenden Schule und am Ende hatten wir einen Platz in einem Heilpädagogischen Kindergarten, einer SVE angekoppelt an die Pestalozzischule für geistig behinderte Kinder, die er im Anschluss wahrscheinlich besuchen wird. Bis zu seinem Wechsel aber freuten wir uns eigentlich noch auf eine weitere gute Zusammenarbeit mit seinem bisherigen Kindergarten und vor allem, dass er noch mit viel Spaß und Freude seine letzten Wochen dort verbringen konnte.

Aber es kam wieder einmal anders...

In der vorletzten Woche vor den Osterferien kam es im Kindergarten zu einem Vorfall zwischen Philipp und einer Therapeutin. Weiter ausführen möchte ich dies aus Schutz der beteiligten Personen, auch wenn nicht verdient, nicht. Es aufgrund von zwei Terminen so, dass er danach auch nicht direkt im Kindergarten war. Grundsätzlich war er an einem Punkt angelangt, wo er einfach seine Belastungsgrenze nicht schon erreicht, sondern definitiv überschritten hatte und das tageweise schon über einen längeren Zeitraum. Für uns, wenn wir die Warnsignale sehen, ein Grund zum Handeln. Wir legen dann gerne paar Tage Pause ein, lassen eine Therapie dann mal ne Woche aus oder ziehen, wenn die Ferien nahe sind, diese mal vor. Hallo, immerhin geht Philipp noch in den Kindergarten. Er hat mehr zu leisten, als andere Kinder in seinem Alter und da ist es nur verständlich, dass er mal mehr Pause braucht.

Wir hatten das Wochenende versucht so wenig aufregend wie möglich zu gestalten, aber wir haben dann schnell gemerkt, dass die Luft raus war. Und er war dann auch wirklich in einem Zustand, der für uns so extrem noch nie zu sehen war und wodurch wir sehr besorgt waren. Er war kaum ansprechbar, war komplett in seiner "Aufzug-Welt" und hatte einfach zu nichts mehr Lust. Wollte nichts machen, zuhause nicht, nicht rausgehen, nicht wegfahren, auch nicht in den Kindergarten gehen. Neben unserer Sorge wegen seines Allgemeinzustandes, machte sich eine weitere breit. Hoffentlich geht er überhaupt wieder in den Kindergarten. Als mein Mann ihn dann im Kindergarten abgemeldet hatte, mit der Option, dass er am Freitag vielleicht zur Osterfeier kommen würde, bekam er zu hören, als er sagte, Philipp möchte absolut nicht in den Kindergarten gehen, dass wir ihm doch nicht alles durchgehen lassen dürften. Ähm, ja schon klar. 

Es kam dann der Freitag und wir fuhren zum Kindergarten. Meine Vorahnung wurde bestätigt. Philipp fing fürchterlich an zu schreien und hat sich geweigert auszusteigen. Die Gruppenleiterin hatte es versucht, ob er mit ihr mitkommen mag, aber es war nichts zu machen. 

Mittlerweile ist er jetzt die sechste Woche zuhause und der Kindergarten ist nach wie vor ein rotes Tuch für ihn. An seinem Wochenplan werden keine Kindergartensymbole akzeptiert, nur diese mit "X", die kindergartenfrei symbolisieren. Sprechen wir über den Kindergarten, sagen wir, dass er doch wieder hin soll, mit den anderen Kindern spielen etc., wird er je nach Länge des Gesprächs regelrecht hysterisch, kontrolliert mehrmals täglich ob sein Wochenplan noch stimmt. Ein Versuch uns mit der Kiga-Gruppe auf einem Spielplatz zu treffen, verlief auch absolut nicht gut. Er krallte sich regelrecht an mir fest und wollte weder von den Kindern noch den Erzieherinnen etwas wissen.

Ein runder Tisch mit allen beteiligten und vermittelnden Personen brachte leider auch keine Lösung. Was uns dabei noch enttäuschte nicht einmal eine Entschuldigung von einer dieser Personen kam. Im Gegenteil, Erklärungsversuche, dass es pädagogisch richtig gewesen sei. Eine "Wenn... dann..."-Debatte sei dem Vorfall vorangegangen, die mit einem Handschlag oder Highfive von Philipp so besiegelt wurde. Worauf das weitere Geschehen gerechtfertigt wurde. 

Klar muss man grundsätzlich sagen, wenn ich mit einem Kind etwas ausmache und meinetwegen einen Handschlag darauf bekomme, dann muss auch die logische Konsequenz sein, dass man das, worauf man sich geeinigt hat, dann auch durchzieht und nicht aufgrund von "bockigem" Verhalten es dann bleiben lässt. Logisch würde man so ein falsches Signal senden.

Aber diesem pädagogischen Grundsatz vorausgesetzt, ist natürlich die Frage, hat mich das Kind auch wirklich verstanden? - Wir wissen, solche "Wenn... Dann..." Diskussionen sind mit Philipp kaum zu führen, schon gar nicht rein sprachlich, mit bildhafter Unterstützung in einem ruhigen Moment schon eher.

Was sagt mir das Kind eigentlich mit seinem Handschlag? - Ein Highfive heißt bei Philipp lediglich "gut gemacht" oder "Thema erledigt". Eine Einverständniserklärung zu irgendetwas gibt er damit nicht.

Warum reagiert das Kind so? - Gerade von Fachpersonal könnte doch erwartet werden zu erkennen, ob das Kind trotzig und bockig ist, oder vielleicht einfach überfordert ist. Und dann vor allem, wenn man als Mutter am Morgen noch gesagt hat, dass Philipp einfach schon total müde und ausgelaugt ist.

Und nun ist es leider, wie es ist. Philipp möchte nichts mehr vom Kindergarten wissen. Ein Abschied, der einen so bitteren und traurigen Beigeschmack hat. Wir sind so unendlich traurig. Was in ihm vorgeht, wir können es leider nur erahnen, denn er sagt es uns ja nicht. In seinem Verhalten spüren wir, dass er gerade sehr froh darüber ist bei uns den Schutz und die Sicherheit zu finden und zu bekommen. Mittlerweile gebärdet er "weinen", wenn wir am Kiga vorbeifahren oder ihn danach fragen. Das sind seine Emotionen, nichts was wir ihm hätten einreden können oder was er aufgrund dessen, worüber wir uns unterhalten, zeigt, denn wir reden nicht abfällig über diesen Vorfall vor ihm, um ihm den Weg vielleicht doch noch mal zurück zu ermöglichen. Wie schon gesagt, der Abschied wäre ohnehin bald gekommen, aber nicht so. Nicht so abrupt. Und vor allem nicht mit einem alles überschattenden Vorfall. Drei Jahre seines Lebens, die er vielleicht für immer aus seinem Gedächtnis verdrängt, weil sie jetzt negativ behaftet sind.

Wir waren wütend, traurig, entsetzt.... Mittlerweile sind wir einfach nur noch maßlos enttäuscht.